(Teja Finkbeiner: Auszüge dieses Textes wurden am 18.8.07 in der Rheinischen Post abgedruckt.)
150 Wissenschaftler entwickeln ökologische Vorwarnsysteme, registrieren und planen den Verbrauch von Brennholz und Wasser, kümmern sich um die Verbesserung der allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen. GCC arbeitet seit langem mit ICIMOD in Kathmandu zusammen.
Im Süden von Kathmandu, der „Stadt der Tempel und Götter“, liegt Godavari. Sehenswert der Naturpark – und beliebt das Godavari Village Resort. Dahin fliehen die Begüterten aus Nepals Hauptstadt und die Reichen aus Indien vor der dampfigen Sommerhitze. Viele Weltweit-Touristen verbringen einige Tage in dieser freundlichen Umgebung, bevor sie ins Himalayaabenteuer starten, um im Anschluss Erholung zu finden von den Strapazen der dünnen Luft der hohen Berge. Bei gekühlten Getränken genießen sie den Blick in dieses verträumte Tal mit Terrassenfeldern, einzelnen Gehöften und einem Bach, an dem bunt gekleidete Frauen Geschirr und Kleidung waschen. Wenn auch den meisten Einheimischen, die an der Armutsgrenze leben, der Zutritt verwehrt bleibt ins „Erholungsdorf“, so bringt es den Leuten im Ort, den Zulieferern, Taxifahrern doch einigen Wohlstand.
Fraglich, ob das so bleiben wird. Denn – unglaublich aber wahr, in diese ländliche Idylle hat man sechs Ziegelfabriken gebaut. Aus den Schornsteinen dieser primitiven Fabriken kommt dunkler übel riechender Qualm, der sich bei feuchtem Wetter über Godavari ausbreitet.
Unweit dieser nepalesischen Bausünden in neuem Gebäude liegt das „ICIMOD“, das „International Centre for Integrated Moutain Development“.
(Abb. „Gletscherabschmelzung“: Die Klimaerwärmung führt zu schnellerer Gletscherschmelze. Auslaufende Gletscherseen zerstören Kulturland. Flutvorhersage: Ein Thema bei ICIMOD.)
Seit 1983 forscht dieses renommierte Institut für das UNO Umweltnetz „UNEP“ in der Hindu Kush-Himalaya-Region.
Ob es um Klimaveränderung, Gletscherabschmelzung, Tourismus, Kultur in weitestem Sinn oder Bildung geht – die meist mobilen international besetzten Teams erzeugen eine unglaubliche Datenflut. „Aus Afghanistan, Bangladesh, Bhutan, China, Indien Myanmar Pakistan und natürlich Nepal liefern unsere Wissenschaftler digitalisiert Berichte, Bilder und Filme über ihre Forschungsergebnisse in die Zentrale nach Kathmandu“, erläutert ein Mitarbeiter von MENRIS, der IT-Abteilung von ICIMOD. Ihr Leiter Basanta Shrestha, auch Gastdozent der Universität Lhasa, ergänzt: „Bei uns laufen nicht nur die Fäden zusammen, sondern wir haben auch viele Kommunikations- und Koordinationspobleme zu lösen, die nicht ausbleiben bei der Vielzahl der Aktivitäten. Um nur einige zu nennen: Unsere 150 Wissenschaftler entwickeln ökologische Vorwarnsysteme, registrieren und planen den Verbrauch von Brennholz und Wasser, kümmern sich um die Verbesserung der allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mein Kerngeschäft und das meiner fünfundzwanzig Mitarbeiter besteht daraus, die IT auf den neuesten Stand zu bringen und Ordnung zu halten in den Datenbanken. Auch wichtig für uns: Eine wirksame Außendarstellung, denn wir sind angewiesen auf die Gelder von Sponsoren; die wollen wissen, was wir tun.“
Diese IT-Abteilung in Blickweite der eisstarrenden Himalayaberge in einer der ärmsten Länder der Welt, ist ein wahres Eldorado für anwendungsorientierte Wirtschaftsinformatik. Modernste elektronische Werkzeuge wie Groupware, die Software für Wissensmanagement, Kooperation und Kommunikation, kommen hier zum Einsatz. Jede mit diesen Themen befasste Bildungseinrichtung kann sich glücklich schätzen, wenn sie Partnerschaft mit ICIMOD/MENRIS pflegen kann. Das Groupware Competence Center (GCC) gehört dazu. Seit 2002 besteht die Arbeitsbeziehung. Und weil GCC und ICIMOD bereits eingebunden sind in dynamische Netzwerke, ergeben sich daraus immer wieder neue Perspektiven. So hat man neuerdings beschlossen noch näher zusammen zu rücken. Mit Web 2.0, den IBM-Produkten „Connections“, „QuickR“ und „Sametime“ soll experimentiert werden. Davon profitieren das Institut und Studenten gleichermaßen.
Nach wie vor steht es interessierten mutigen Studierenden offen, einen Teil ihres Studiums an dieser exklusiven „Anwenderfront“ zu verbringen. Wer hingeht sollte fit sein in Domino Notes und verwandter IT und die Bereitschaft mitbringen, interdisziplinär in fremder Kultur an brennend aktuellen Themen zu arbeiten. Schonräume gibt es wenig in diesem Land mit seinen 24 Millionen Einwohnern, davon über die Hälfte Analphabeten. Der Student muss einkalkulieren, mit den häufig unbequemen Realitäten eines sogenannten „failed state“, „gescheiterten Staates“, konfrontiert zu werden. Denn das kleine Land zwischen den Riesen Indien und China hat große Sorgen. Politische Unruhen, eine schwache Regierung, das undurchlässige hinduistische Kastensystem, dazu noch die Probleme ausgelöst durch den Prozess der Globalisierung, schwächen das wirtschaftlich ohnehin schwache Nepal noch mehr.
(Abb. Das neue Gebäude des ICIMOD. Hier befindet sich das „Gehirn“ des Instituts, die IT-Abteilung.)
Quelle Bilder: ICIMOD, Kathmandu
Zehn Jahre lang führten maoistische Guerilla einen erbitterten „Volkskrieg“, der über 10.000 Menschen das Leben kostete. In den engen Gassen von Thamel, wo Besucher aus aller Welt die Nepalesen vorwiegend als gewiefte Verkäufer von Klunker, Tigerbalsam und Ghurkamesser erleben, zeigen die Maoisten Flagge. Mit „Hammer und Sichel“ auf rotem Grund, Bilder von Marx und Lenin und eifrigen Parteigenossen, deren Parolen aus Megaphonen dröhnen, präsentieren sich die Revolutionäre. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden. Der unbeliebte König ist nach dem Volksaufstand vom letzten Jahr so gut wie entmachtet. Das 330-köpfige Übergangsparlament, davon 83 Maoisten, und eine Interimsregierung, darunter fünf maoistische Minister, bestimmen derzeit Nepals Geschicke. Im Herbst diesen Jahres soll eine verfassungsgebende Versammlung über Nepals künftiges politisches System entscheiden.
Mr. Shrestha, der Leiter von MENRIS, der sich aufrichtig freut auf die deutschen Studierenden, war übrigens bestens vertraut mit den chaotischen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen seiner liebenswerten Heimat. Er hatte auch die Erklärung parat, wie es passieren konnte, dass vor dem noch florierenden Godavari Village Resort die Schlote rauchen: „Wer in Nepal in gewissen Regionen einen Grund erwirbt, kann damit machen was er will.“ Flächennutzungspläne sind derzeit in Nepal noch unbekannt.
(Auszüge veröffentlicht in der RP am 18.8.07)